Begründer des osteuropäischen Chassidismus ist Israel ben Elieser (um 1700-1760), genannt Baal Schem Tow (Meister des guten Namens). Zu seinen wichtigsten Schülern gehören Rabbi Dow Bär (der Große Magid von Meseritsch) und Rabbi Jakob Josef von Polonoje…
Bekannt wurde der Chassidismus in Westeuropa auch durch Martin Bubers „Chassidische Erzählungen“. Die Psychotherapeutin Cornelia Muth hat 23 dieser Geschichten nach den fünf Grundaussagen Bubers über Heilungsprozesse (in „Wachstum und Begegnung: Eine dialogische Perspektive“) gruppiert und kommentiert.
- 1. Kranksein weist auf dysfunktionale Kontakte mit der Welt und mit den Menschen hin.
- 2. Kranksein ist bedingt durch die so genannte Verkapselung des Menschen und der Dinge.
- 3. Dem kranken Menschen fehlen existentielle Begegnungen.
- 4. Die Therapeutinnen sind Begegnungspartnerinnen auf dem heilenden Weg.
- 5. Das heilende Feld ist ein paradoxes.
Was ist der Chassidismus?
Der Chassidismus betont weniger die rationelle Auseinandersetzung mit den religiösen Texten, als vielmehr Freude und Mystik. Die größte Anerkennung wird einem Zadik zuteil, einem Gerechten. Viele dieser Gerechten sind weise Rabbiner, die oft auch als Heiler und Ratgeber Wunder wirken. Manche zogen Hunderte oder Tausende von Anhängern an, die oft ganze Höfe um das geistige Oberhaupt bildeten.
Aus der Kabalah, der jüdischen Mystik, kommt der Glaube an die göttlichen Funken, die sich während dem Bersten der Gefäße und Schalen in der ersten Schöpfungsphase überall in der Welt verteilt haben. Viele wurden schon geborgen, aber um die Welt ganz zu heilen, braucht es noch viele weitere Funken, und gerade jene Splitter, die besonders tief in der Dunkelheit oder im Schmutz verborgen sind, müssen noch immer gesucht und geborgen werden.
Die Zadikim sind, wegen ihrer Verdienste in besonderer Weise dazu prädestiniert, verborgene oder in Schalen verkapselte Funken zu bergen. Diese Funken sind zerbrochenen Reste der ersten kosmischen Katastrophen, nicht gelungener Welten, die Gott vor unserer jetzigen Welt versucht hat zu bauen. Die ersten Welten konnten die göttliche Liebe nicht wirklich aufnehmen, unter der Wucht ihres Lichts barsten alle Gefäße und zersplitterten. An den Splittern blieben leuchtende Funken des Lichts, der Liebe. Wir finden sie in der heutigen Welt. Die Funken sind in Verkapselungen gefangen und verborgen. Martin Buber sprach von „trennenden, hindernden, dämonischen Umschließungen, die allein ‚das Böse‘ sind“. Dorthin sind die Funken gefallen, „aber sie fielen, um gehoben zu werden: um des Wirkens des Menschen an der Erlösung willen sind jene Welten gewesen und vergangen“, so Buber 1955.
Cornelia Muth schreibt in ihrer Einleitung über „Heilende chassidsche Geschichten„, es gelte nun einerseits diese Funken zu bergen und andererseits dabei anzuerkennen, dass die bergende Heilung eine polare Wiedervereinigung zwischen Hell und Dunkel herausfordert. Um ganz (whole, holy, heilig) zu werden, braucht der chassidische Mensch – Buber bezieht dies auch auf die heutigen Menschen – nicht perfekt zu sein. Vielmehr geht es darum, dass „der Mensch wird, der zu werden er, dieser einzelne Mensch da, erschaffen ist“, (Martin Buber 1963, 947). Selbstbesinnende Verwirklichung ist damit gemeint und bedeutet, „Kontakt mit den Dingen und Wesen“ aufzunehmen. Kontakt heißt im Chassidismus „den heilgen Umgang mit allem Seienden“ zu üben und zu pflegen.
Überall können die Funken geborgen werden: In der Blumenvase, beim Schuheputzen, in einer Suppe, – beim Schreiben und Lesen dieses Textes…
Der Mensch „kann keine Auslese nehmen, keine Scheidung; denn es ist nicht an ihm, zu bestimmen, was ihm zu begegnen hat und was nicht; und es gibt ja das Nichtheilige nicht, es gibt nur das noch nicht Geheiligte, noch nicht zur seiner Heiligkeit Erlöste, das er heiligen soll“.
Helfen ist bedingt durch die Einsicht, … „dass alle Seelen eine sind, denn jede ist ein Funke aus der Urseele, und sie ist ganz in ihnen allen“ (Martin Buber 1963, 45).