Die Gestalttherapie gehört zu den hermeneutisch-phänomenologisch ausgerichteten erlebnisaktivierenden Psychotherapieverfahren und ist wichtige Vertreterin der humanistischen Psychologie. Als Begründer dieser Psychotherapie-Methode gelten die psychoanalytisch ausgebildeten Fritz Perls und Laura Perls, sowie Paul Goodman, ein Vertreter des philosophischen Anarchismus…
David Gall
Die Gestalttherapie entwickelt sich zu weiten Teilen aus der Psychoanalyse und in Kritik an und in Abgrenzung zu ihr; unter Rückgriff u.a. auf die Gestaltpsychologie und die Therapieformen von Wilhelm Reich. Gestalttherapie versteht sich als ganzheitliche Therapie, also als eine Therapie, die von der Einheit von Körper, Geist und Seele ausgeht.
In Deutschland ist die Gestalttherapie, im Gegensatz zur Schweiz und zu Österreich, nicht als abrechenbares Verfahren anerkannt. Trotzdem ist die Gestalttherapie ein weltweit verbreitetes und anerkanntes Verfahren, das die psychotherapeutische Landschaft mit wichtigen Impulsen bereichert hat und sich bei der Behandlung unterschiedlichster psychischer Störungen ausgesprochen bewährt hat.
Bei einem Gestaltkongress im Mai 2014 wird es u.a. um Entwicklung und Geschichte der Gestalttherapie gehen. Mit den jüdischen Wurzeln dieser psychotherapeutischen Methode befasst sich Dr. Dieter Bongers:
Beim Nachdenken über die Faszination, die von der Gestalt Therapie ausgeht, kommen mir immer wieder die vielfältigen Wurzeln in den Sinn, die gute Integration, die Gestalt seit ihrer Existenz leistet. So wird die Psychoanalyse, die Körpertherapie, die Existenzphilosophie, aber auch die Schauspielkunst und das Psychodrama verwendet und in der Gestalt aufgehoben.
Nun sind auch religiöse und spirituelle Wurzeln verschiedener Art in die Gestalt eingegangen, z.B. aus fernöstlicher Philosophie aber auch aus den jüdischen Traditionen.
Sowie Fritz als auch Lore Perls waren deutsche Juden, Paul Goodman stammte aus einem New Yorker jüdischen Elternhaus. Viele der Gestalttherapeuten der zweiten Generation waren oder sind Juden – Erv und Miriam Polster, Joseph Zinker, Edwin Nevis und Sonja Nevis, Jo Melnick.
Hat das einen Einfluss in der Gestalt und wenn ja welchen?
Wieso sind so viele der Großen im Bereich der Psychotherapie jüdischer Herkunft? Wie beeinflusst z.B. das Verfolgtwerden, das auch Familie Perls in Deutschland erlebt hat, auch die Theorie? Wieso verschwindet die jüdische Tradition (so ähnlich wie die anarchistische Tradition) immer wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein?
Dr. Dieter Bongers ist psycholog. Psychotherapeut und hat an den Universitäten Bonn und Köln studiert und an den Universitäten Konstanz und der Technischen Universität Berlin unterrichtet. Die Ausbildung in Gestalttherapie absolvierte er am IGG in Berlin und am Center for Intimate Studies, Mass, USA. Er ist Lehrtherapeut am IGW und Lehrsupervisor an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft (ZHAW). Er führt eine Praxis für Beratung und Psychotherapie in Liestal (Kanton Basel-Landschaft, Schweiz). Dieter Bongers vertritt die SVG (Schweizerische Vereinigung für Gestalttherapie) im Vorstand der Europäischen Gestaltvereinigung (EAGT).
Mit der Geschichte der Gestalttherapie befasst sich auch Hans-Josef Hohmann. Er thematisiert den gewaltigen Hype in den 60er/70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Zeit, als sich die Gestalttherapie in Kalifornien ihr Zentrum suchte. Es war die Zeit der Emanzipationen, längst nicht nur der Emanzipation der Frauen, sondern auch der ethnisch, sozial, kulturell, religiös, ästhetisch… nach hinten Gestellten. Die alten moralischen Codices, die Einzelne und Lebensstile ächteten, wurden über Bord geworfen. Vieles wurde ausprobiert, was bis dahin mit einem Tabu belegt war.
Menschen, die sich auf den Weg zu Fritz P. machten, erlebten das Gestaltmilieu als unselbstverständlich, explorierfreudig, grenzenüberschreitend, frei und selbstverantwortlich. Die Gestalttherapie war Teil einer De-Moralisierung der westlichen Welt. Das Recht von Institutionen (wie Ehe, politische Partei oder Universität) und Religionsgemeinschaften, das Verhalten ihrer Mitglieder zu regeln, war ebenso außer Kraft gesetzt wie der normierte Umgang mit Sexualität.
Konfrontiert mit dem emanzipatorischen Ansatz („alles darf sein“, „ich bin ich, du bist du“) gewannen viele, die Gestalt erlebten, einen neuen Zugang zu ihrem kreativen Potential, Heilung ihrer Leiden an der Umwelt und Rückkehr zu Lebensfreude und Vitalität. Vier Jahrzehnte später ist Manches, was damals erstrebenswert und visionär erschien, zum Mainstream und damit zur bürgerlichen Moral geworden. Manches ist auch weiterhin unverändert Blockade bei der Selbstwerdung.
Quelle u.a. Wiki, Kongressdaten…